Technik

Carbon Capture: Platz, Gewicht und Betrieb

Von Joshua Kantner · April 2026 · OceanSphere Consulting

Warum diese drei Faktoren zentral sind

Jede Diskussion über Onboard Carbon Capture and Storage (OCCS) beginnt zwangsläufig mit einer Grundsatzfrage: Wo soll die Technik hin, was wiegt sie, und wie verändert sie den täglichen Betrieb? Diese drei Faktoren – Platz, Gewicht und Betrieb – sind keine Randnotizen, sondern die harte Realität, an der sich entscheidet, ob ein OCCS-Projekt überhaupt machbar ist.

Die Abscheidetechnik selbst ist nur ein Teil des Systems. Hinzu kommen Absorberkolonnen, Wärmetauscher, Regenerationseinheiten, Rohrleitungen, Steuerungstechnik und nicht zuletzt der Speichertank für das abgeschiedene CO2. Jede dieser Komponenten braucht Raum und trägt Gewicht bei – auf Schiffen, die in der Regel bereits auf maximale Raumnutzung optimiert sind.

Wer OCCS nur über die Capture-Rate diskutiert, übersieht den entscheidenden Punkt: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Chemie der Abscheidung, sondern in der physischen Integration auf einem schwimmenden Betriebsmittel mit begrenztem Volumen, strenger Stabilitätsrechnung und laufendem Betrieb.

Wie Platz zum Engpass wird

Viele Schiffe wurden nicht für zusätzliche Prozesstechnik geplant. Der Maschinenraum ist in der Regel dicht bestückt, und freie Flächen an Deck sind selten wirklich frei – sie werden für Zugang, Wartung, Rettungsmittel oder Ladungsoperationen gebraucht.

Ein typisches OCCS-System für ein mittelgroßes Frachtschiff benötigt je nach Capture-Rate und Technologie zwischen 200 und 600 Kubikmetern allein für die Prozessanlage. Der CO2-Zwischenspeicher kommt hinzu: Bei einer Reise von zwei Wochen und einer Capture-Rate von 30 % fallen auf einem Schiff mit 15.000 kW Hauptmaschine rechnerisch mehrere hundert Tonnen flüssiges CO2 an. Das entspricht einem Tankvolumen, das mit dem Ballastwassertank eines kleinen Bulkers vergleichbar ist.

Der Platzbedarf hängt zudem stark von der gewählten Abscheidetechnologie ab. Aminbasierte Systeme erfordern große Kolonnen mit erheblicher Bauhöhe. Membranverfahren sind kompakter, erreichen aber geringere Abscheideraten. Kalziumbasierte Prozesse wiederum benötigen Festbettreaktoren und Materialhandling-Systeme. Keine dieser Lösungen ist raumsparend im eigentlichen Sinne.

Besonders kritisch wird es bei Retrofit-Projekten: Hier muss die Technik in ein bestehendes Arrangement integriert werden, ohne Flucht- und Rettungswege zu beeinträchtigen, ohne den Zugang zu bestehenden Systemen zu versperren, und ohne die Sichtlinien von der Brücke einzuschränken. Das erfordert aufwendige 3D-Modellierung und häufig Kompromisse bei der Systemgröße.

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Warum Gewicht und Betrieb zusammenhören

Zusätzliches Gewicht durch OCCS-Anlagen beeinflusst unmittelbar die Stabilität und die verfügbare Zuladung eines Schiffes. Die Prozessanlage selbst kann je nach Auslegung 50 bis 150 Tonnen wiegen. Dazu kommt das Gewicht des gespeicherten CO2, das während der Reise kontinuierlich zunimmt. Diese Gewichtsänderung ist nicht statisch – sie verschiebt den Schwerpunkt des Schiffes und muss in der Stabilitätsrechnung für jede Reisephase berücksichtigt werden.

Für Schiffe, die bereits nahe an ihrer maximalen Tragfähigkeit operieren, bedeutet jede zusätzliche Tonne OCCS-Ausrüstung eine Tonne weniger Ladung. Bei einem Panamax-Bulker kann das den Unterschied zwischen einem profitablen und einem unwirtschaftlichen Betrieb ausmachen. Die Rechnung wird noch komplizierter, wenn man bedenkt, dass der CO2-Tank zu Reisebeginn leer und am Zielhafen voll ist – eine Asymmetrie, die in jeder Reiseplanung abgebildet werden muss.

Operativ verändert OCCS den Bordalltag grundlegend. Die Anlage benötigt Energie, die vom Hauptstromerzeuger abgezweigt wird – typischerweise 10 bis 25 % der Abgasenergie. Die Chemikalien für aminbasierte Systeme müssen bevorratet, überwacht und regelmäßig ersetzt werden. Die Abgasführung wird komplexer, weil ein Teil des Abgasstroms durch den Absorber geleitet werden muss. Und im Hafen muss die CO2-Übergabe an Terminals oder Binnenschiffe organisiert werden – ein Vorgang, der heute in den meisten Häfen noch nicht standardisiert ist.

Die Besatzung muss zudem für den Umgang mit der Anlage geschult werden: Notabschaltung, Leckageerkennung, Handhabung der Absorptionsmittel und CO2-Transfer. Das sind keine trivialen Zusatzaufgaben, sondern neue Kernprozesse, die in die Safety-Management-Systeme integriert werden müssen.

Wie man professionell bewertet

Eine seriöse Bewertung betrachtet OCCS immer als Gesamtsystem und niemals isoliert über die Capture-Rate. Der professionelle Ansatz beginnt mit einer detaillierten Bestandsaufnahme: Wie viel Raum steht real zur Verfügung? Welche Gewichtsreserven hat das Schiff? Welche betrieblichen Einschränkungen ergeben sich? Und vor allem: Gibt es überhaupt eine funktionierende CO2-Abnahmekette in den angelaufenen Häfen?

Zu einer professionellen Bewertung gehört auch die ehrliche Betrachtung der Wirtschaftlichkeit. Die Investitionskosten für eine OCCS-Anlage liegen je nach Größe und Technologie im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Die laufenden Kosten für Energie, Chemikalien und Wartung kommen hinzu. Diesen Kosten stehen potenzielle Einsparungen bei EU-ETS-Zertifikaten und FuelEU-Strafen gegenüber – aber nur, wenn die Anlage tatsächlich zuverlässig arbeitet und die regulatorische Anerkennung gesichert ist.

Technischer Tiefgang: Systemintegration im Detail

Die Integration eines OCCS-Systems in ein bestehendes Schiff erfordert eine sorgfältige Abstimmung mehrerer technischer Disziplinen. Im Kern geht es um vier Integrationsbereiche: Abgasanbindung, Prozessanlage, CO2-Speicherung und Hilfssysteme.

Die Abgasanbindung ist der erste kritische Punkt. Der Abgasstrom muss nach dem Abgaskessel, aber vor dem Schornstein abgezweigt werden. Das erfordert zusätzliche Klappen, Rohrleitungen und häufig eine Abgasvorkühlung, um die Prozesstemperatur der Absorberkolonne einzuhalten. Bei Schiffen mit SCR-Katalysator oder Abgaswäscher wird die Abgasführung besonders komplex, da mehrere Systeme im selben Abgasstrang konkurrieren.

Die Prozessanlage selbst – typischerweise ein Absorber-Stripper-System bei Aminverfahren – muss schwingungsfest montiert werden und gleichzeitig ausreichend Zugang für Wartung bieten. Die Kolonnen können Bauhöhen von 8 bis 15 Metern erreichen, was auf vielen Schiffen nur durch Decksdurchbrüche oder Aufstellung an Deck möglich ist. An Deck aufgestellte Systeme müssen seefest gesichert und gegen Wetter geschützt werden.

Die CO2-Verflüssigung und -Speicherung stellt eigene Anforderungen. Flüssiges CO2 wird typischerweise bei -20 bis -50 °C und 7 bis 20 bar transportiert. Die Tanks müssen druckfest, isoliert und mit Überdrucksicherungen ausgestattet sein. Die Positionierung der Tanks beeinflusst direkt die Stabilität des Schiffes und muss in enger Abstimmung mit dem Stabilitätsbuch erfolgen.

Die Hilfssysteme umfassen Kühlwasserversorgung, elektrische Versorgung, Steuerungs- und Überwachungstechnik sowie Sicherheitseinrichtungen wie CO2-Detektoren, Belüftungssysteme und Notabschaltungen. Jedes dieser Systeme muss in die bestehende Schiffsautomation integriert werden – ein Aufwand, der häufig unterschätzt wird.

Ein besonderes Augenmerk verdient die Energiebilanz. Aminbasierte Capture-Systeme benötigen erhebliche Wärmemengen für die Regeneration des Absorbens. Diese Wärme wird typischerweise aus dem Abgas oder über einen zusätzlichen Dampferzeuger bereitgestellt. Der resultierende Energieverbrauch kann den Gesamtwirkungsgrad des Schiffsantriebs um 10 bis 20 % verschlechtern – ein Effekt, der in jeder Wirtschaftlichkeitsrechnung ehrlich abgebildet werden muss.

Praktische Auswirkungen für Betreiber und Flotten

Für Schiffsbetreiber bedeutet OCCS eine grundlegende Veränderung des operativen Profils. Die Anlage läuft nicht nebenbei – sie wird zu einem integralen Bestandteil des Schiffsbetriebs, der Planung, Wartung und Hafenlogistik beeinflusst.

In der Reiseplanung muss künftig berücksichtigt werden, ob der Zielhafen CO2-Übergabemöglichkeiten bietet. Ist das nicht der Fall, muss entweder ein Umweg zu einem geeigneten Hafen eingeplant oder die Capture-Anlage für bestimmte Reisen abgeschaltet werden. Beides hat wirtschaftliche Konsequenzen.

Die Wartungsplanung wird komplexer. Neben den bestehenden Maschinenraumsystemen kommt ein vollständiger chemischer Prozess hinzu, der eigene Inspektionsintervalle, Ersatzteile und Fachkenntnisse erfordert. Die Verfügbarkeit von Ersatzteilen für OCCS-Anlagen ist derzeit noch begrenzt, da es sich um eine junge Technologie mit wenigen installierten Einheiten handelt.

Für Flottenmanager stellt sich zudem die Frage der Standardisierung. Wenn unterschiedliche Schiffe einer Flotte mit verschiedenen OCCS-Technologien ausgerüstet werden, entstehen parallele Wartungs- und Schulungsanforderungen. Eine Flottenstrategie, die auf einheitliche Systeme setzt, reduziert Komplexität – schränkt aber gleichzeitig die Flexibilität bei der Technologiewahl ein.

Die Klassifikationsgesellschaften haben begonnen, Richtlinien für OCCS-Installationen zu entwickeln. DNV, Lloyd’s Register und Bureau Veritas bieten bereits Class Notations oder Approval in Principle für bestimmte Systeme an. Dennoch fehlt ein einheitlicher, international anerkannter Standard. Das bedeutet für Betreiber, dass die Class-Abstimmung früh im Projekt beginnen muss – idealerweise bereits in der Konzeptphase.

Fallkontext: Lehren aus frühen Pilotprojekten

Die bisherigen OCCS-Pilotprojekte in der Schifffahrt liefern wertvolle Erkenntnisse über die praktischen Grenzen der Technologie. Projekte wie die Zusammenarbeit zwischen Mitsubishi Shipbuilding und K Line haben gezeigt, dass die technische Machbarkeit grundsätzlich gegeben ist – aber unter sehr spezifischen Bedingungen.

Eine wiederkehrende Erkenntnis ist, dass der Platzbedarf in der Planungsphase regelmäßig unterschätzt wird. Pilotanlagen, die in Containermodule integriert wurden, erreichen zwar Flexibilität bei der Positionierung, bringen aber eigene Probleme mit: eingeschränkter Wartungszugang, längere Rohrwege und höhere Druckverluste.

Die Hafeninfrastruktur hat sich als der größte praktische Engpass erwiesen. Selbst in fortschrittlichen Häfen wie Rotterdam oder Antwerpen sind die CO2-Übergabeeinrichtungen noch im Aufbau. Für Schiffe, die regelmäßig kleinere Häfen anlaufen, fehlt diese Infrastruktur vollständig. Das schränkt den wirtschaftlich sinnvollen Einsatz von OCCS derzeit auf bestimmte Routen und Fahrtgebiete ein.

Positiv zu vermerken ist, dass die Energieeffizienz der Capture-Systeme in jüngsten Pilotprojekten Fortschritte zeigt. Neuere Absorptionsmittel und optimierte Prozessführung reduzieren den spezifischen Energiebedarf. Dennoch bleibt der Parasitärverbrauch erheblich und muss in jeder Projektbewertung transparent dargestellt werden.

Entscheidungsrahmen: Wann OCCS geprüft werden sollte

Nicht jedes Schiff und nicht jede Flotte ist ein sinnvoller Kandidat für OCCS. Ein strukturierter Entscheidungsrahmen hilft, Ressourcen gezielt einzusetzen und unrealistische Projekte früh auszusortieren.

Schritt 1: Raumanalyse. Gibt es mindestens 200 m³ zusammenhängende Fläche für die Prozessanlage und mindestens 100 m³ für den CO2-Tank? Wenn nein, ist OCCS mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wirtschaftlich darstellbar.

Schritt 2: Gewichtsreserve. Hat das Schiff ausreichend Reservedeadweight, um die Anlage plus vollen CO2-Tank zu tragen, ohne die Zuladung unakzeptabel zu reduzieren? Faustregel: Mindestens 3 % Reserve-Deadweight sollten verfügbar sein.

Schritt 3: Routenprofil. Laufen mindestens 60 % der Zielhäfen CO2-Abnahmestellen an oder werden voraussichtlich innerhalb von drei Jahren welche erhalten? Ohne funktionierende Abnahmekette ist OCCS operativ nicht darstellbar.

Schritt 4: Wirtschaftlichkeit. Übersteigt die erwartete Einsparung an EU-ETS-Kosten und FuelEU-Penalties die Annuität der Investition plus laufende Kosten? Nur wenn diese Rechnung positiv ausfällt, lohnt die vertiefende Feasibility.

Kernaussagen auf einen Blick

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Häufig gestellte Fragen

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