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Crew Retention und alternative fuels

Von Joshua Kantner · April 2026 · OceanSphere Consulting

Warum neue Kraftstoffe die Personalfrage verschärfen

Kompetenzanforderungen und Verantwortungsgefühl ändern sich. Die Umstellung auf Methanol, LNG oder künftig Ammoniak verändert nicht nur den Maschinenraum, sondern auch das Anforderungsprofil der Besatzung. Ein Chief Engineer, der 20 Jahre lang HFO-betriebene Zweitakt-Motoren gefahren hat, muss bei einem Methanol-Dual-Fuel-Antrieb völlig neue Sicherheitsprotokolle verstehen: Inertisierung, Gasdetektion, Purge-Verfahren und die spezifischen Toxizitätsrisiken von Methanol.

Das erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit ist einer der stärksten Treiber für Fluktuation. Wenn ein Seemann das Gefühl hat, dass er ein System bedienen muss, das er nicht vollständig versteht und für das er nicht ausreichend geschult wurde, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er beim nächsten Vertrag einen Arbeitgeber wählt, der konventionelle Schiffe betreibt.

Welche Faktoren Retention beeinflussen

Training, klare Verfahren und wahrgenommene Sicherheit. Die drei entscheidenden Faktoren für Crew-Bindung im Kontext alternativer Kraftstoffe sind: die Qualität des Trainings, die Klarheit der Betriebsverfahren und das subjektive Sicherheitsgefühl der Besatzung.

Beim Training geht es nicht nur um die formale STCW-Zertifizierung. Die IMO hat mit dem IGF Code und den zugehörigen Trainingsanforderungen einen Rahmen gesetzt, aber der Unterschied zwischen einem zweitägigen Classroom-Kurs und einem einwöchigen Simulator-Training mit praktischen Übungen auf einem realen Dual-Fuel-System ist erheblich. Betreiber, die in hochwertiges Training investieren, signalisieren ihren Besatzungen: Wir nehmen eure Sicherheit ernst.

Bei den Betriebsverfahren zeigt sich die Qualität daran, ob die Safety Management System-Dokumente tatsächlich die neuen Kraftstoffsysteme abbilden oder ob sie noch auf dem Stand der konventionellen Anlage sind. Ein Second Engineer, der vor einem Methanol-Leck steht und im SMS nur generische Notfallverfahren findet, verliert das Vertrauen in seinen Arbeitgeber.

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Technischer Tiefgang: Kompetenzlücken bei alternativen Kraftstoffen

Der IGF Code (International Code of Safety for Ships Using Gases or Other Low-Flashpoint Fuels) definiert seit 2017 den Rahmen für die Sicherheitsanforderungen an Schiffe mit alternativen Kraftstoffen. Die zugehörige STCW-Regulation V/3 verlangt für Besatzungsmitglieder auf IGF-Code-Schiffen eine spezifische Grundausbildung und für Schlüsselpositionen eine erweiterte Ausbildung.

In der Praxis gibt es dabei mehrere Probleme. Erstens: Die Trainingskapazitäten sind begrenzt. Es gibt weltweit nur eine überschaubare Anzahl von Trainingseinrichtungen, die praxisnahe Schulungen an realen Dual-Fuel-Systemen anbieten. Die meisten Kurse sind Classroom-basiert und vermitteln theoretisches Wissen, aber keine Handlungssicherheit.

Zweitens: Die Technologien unterscheiden sich erheblich. Ein LNG-Dual-Fuel-System auf einem Wärtsilä 50DF funktioniert völlig anders als ein MAN ME-LGIM Methanol-System. Eine generische IGF-Schulung deckt nicht die spezifischen Verfahren des jeweiligen Antriebssystems ab. Betreiber müssen also zusätzlich zum formalen Training OEM-spezifische Schulungen organisieren.

Drittens: Bei Ammoniak stehen wir noch am Anfang. Die Toxizität von Ammoniak erfordert ein völlig anderes Sicherheitskonzept als LNG oder Methanol. Persönliche Schutzausrüstung, Gasdetektionssysteme und Notfallverfahren müssen spezifisch auf die Eigenschaften von Ammoniak ausgelegt sein. Die Ausbildungsstandards dafür werden derzeit noch entwickelt.

Der Arbeitsmarkt reagiert bereits. Manning-Agenturen berichten, dass Seeleute mit IGF-Zertifizierung und praktischer Dual-Fuel-Erfahrung höhere Gehälter fordern können. Das verschiebt die Kostenkalkulation für Betreiber und macht Retention noch wichtiger, denn jeder ausgebildete Ingenieur, der das Unternehmen verlässt, muss teuer ersetzt werden.

Praktische Auswirkungen: Was Retention konkret kostet

Die Kosten eines Personalverlusts im Kontext alternativer Kraftstoffe gehen über die normalen Crewwechsel-Kosten hinaus. Neben den üblichen 3.000 bis 12.000 USD für Flüge und Agentengebühren kommen die spezifischen Trainingskosten hinzu. Ein IGF Advanced Training kostet zwischen 2.000 und 5.000 USD pro Person. OEM-spezifische Schulungen für ein bestimmtes Dual-Fuel-System können weitere 3.000 bis 8.000 USD kosten.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Ein neuer Chief Engineer auf einem Methanol-Schiff braucht mindestens zwei bis drei Monate, um die spezifischen Systeme und Verfahren an Bord vollständig zu beherrschen. In dieser Zeit ist die operative Effektivität geringer, das Fehlerrisiko höher und die Belastung für den Rest der Maschinenbesatzung steigt.

Betreiber, die ihre Retention-Strategie frühzeitig an die Energiewende anpassen, haben einen messbaren Wettbewerbsvorteil. Sie bauen Kompetenz im Unternehmen auf, statt sie ständig neu einzukaufen.

Fallkontext: Methanol-Pioniere und ihr Crew-Ansatz

Maersk hat mit der Bestellung von Methanol-Dual-Fuel-Containerschiffen ab 2021 eine Vorreiterrolle eingenommen. Was dabei oft übersehen wird: Parallel zur Schiffsbestellung musste das Unternehmen ein umfassendes Crew-Training-Programm aufbauen. Das umfasste nicht nur die formalen IGF-Zertifizierungen, sondern auch praxisbezogene Schulungen an den spezifischen MAN B&W ME-LGIM Motoren und den zugehörigen Kraftstoffsystemen.

Stena Lines fuhr bereits seit 2015 die Stena Germanica mit Methanol-Antrieb. Die Erfahrungen zeigten, dass die anfängliche Skepsis der Besatzung nach sechs bis zwölf Monaten praktischer Erfahrung in Routine überging – vorausgesetzt, das Training war ausreichend und die Verfahren waren klar dokumentiert.

Diese Beispiele illustrieren: Retention im Kontext alternativer Kraftstoffe ist kein weiches Thema. Es ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, die über den Erfolg oder Misserfolg der Energiewende im Schiffsbetrieb entscheidet.

Entscheidungsrahmen: Retention-Strategie für die Energiewende

Betreiber sollten ihre Retention-Strategie anhand von vier Fragen prüfen: Erstens, deckt das aktuelle Trainingsprogramm die spezifischen Systeme der Flotte ab oder nur die generischen IGF-Anforderungen? Zweitens, sind die SMS-Dokumente an die neuen Kraftstoffsysteme angepasst? Drittens, gibt es ein strukturiertes Feedback-System, das Unsicherheiten der Besatzung frühzeitig erfasst? Viertens, sind die Gehälter und Vertragskonditionen an den Marktwert von Dual-Fuel-qualifiziertem Personal angepasst?

Wer alle vier Fragen mit Ja beantworten kann, hat eine belastbare Grundlage. Wer bei einer oder mehrerer Nein sagen muss, hat konkreten Handlungsbedarf.

Kernpunkte

Weiterführende Artikel

Warum Retention nicht nur Crewing-Thema ist

Technik und HSQE wirken direkt auf Beherrschbarkeit neuer Systeme. Wenn die technische Abteilung an Land entscheidet, welches Dual-Fuel-System bestellt wird, trifft sie gleichzeitig eine Retention-Entscheidung. Ein System, das komplexer ist als nötig, erhöht die Schulungsanforderungen und das Fehlerrisiko. HSQE-Abteilungen, die Sicherheitsverfahren für neue Kraftstoffe entwickeln, bestimmen, wie sicher sich die Besatzung im Umgang mit dem System fühlt.

Häufig gestellte Fragen

Warum beeinflussen alternative fuels Crewbindung?
Neue Risiken und Lernanforderungen.
Welche Rolle spielt Training?
Zentral. Gibt Wissen und signalisiert Unterstützung.
Ist Retention ein Technikthema?
Teilweise. Technische Einführungsqualität wirkt direkt auf Verbleib.

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