BrancheIndustry

Die menschliche Seite der EnergiewendeThe Human Side of the Energy Transition

Von Joshua KantnerBy Joshua Kantner · April 2026 · OceanSphere Consulting

Warum Technik allein den Wandel nicht trägtWhy technology alone cannot carry the transition

Neue Systeme funktionieren erst wenn Menschen sie verstehen und ihnen vertrauen. Die maritime Energiewende wird in Konferenzräumen und Werften geplant, aber sie findet im Maschinenraum statt. Ein MAN ME-LGIM Methanol-Antrieb oder ein Wärtsilä 31DF LNG-System mag technisch ausgereift sein – wenn der Chief Engineer ihm nicht vertraut, wird er es im Zweifelsfall auf Diesel-Modus umschalten. Und damit verliert das gesamte Dekarbonisierungskonzept seine Grundlage.

Die IMO-Strategie zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen setzt ambitionierte Ziele: Netto-Null bis 2050. Die Technologie entwickelt sich, die Regularien nehmen Form an, aber der Mensch – die Besatzung, die diese Systeme täglich betreibt – kommt in den meisten Dekarbonisierungsstrategien erst auf den letzten Folien vor.

New systems only work when people understand them and trust them. The maritime energy transition is planned in conference rooms and shipyards, but it takes place in the engine room. A MAN ME-LGIM methanol propulsion system or a Wärtsilä 31DF LNG system may be technically mature – if the chief engineer does not trust it, he will switch to diesel mode at the first sign of doubt. And with that, the entire decarbonisation concept loses its foundation.

The IMO strategy for reducing greenhouse gas emissions sets ambitious targets: net zero by 2050. Technology is developing, regulations are taking shape, but the human element – the crew who operate these systems daily – appears on the last slides of most decarbonisation strategies.

Welche Belastungen sichtbar werdenWhich pressures are becoming visible

Erhöhter Lernaufwand, veränderte Routinen und Unsicherheit. Die Belastungen für die Besatzung sind mehrschichtig. Erstens der Lernaufwand: Neue Kraftstoffsysteme erfordern neue Kenntnisse in Gasdetektion, Inertisierung, Notfallverfahren und Toxikologie. Ein Engineer, der 15 Jahre HFO und MGO gefahren hat, muss sich in Themen einarbeiten, die seiner bisherigen Erfahrung fremd sind.

Zweitens die veränderten Routinen: Bunkering mit Methanol oder LNG unterscheidet sich grundlegend vom HFO-Bunkering. Die Sicherheitsabstände sind größer, die Überwachungsanforderungen höher, die Folgen eines Fehlers potenziell schwerwiegender. Das verändert den Arbeitsalltag im Maschinenraum.

Drittens die Unsicherheit: Welcher Kraftstoff setzt sich durch? Wird das Schiff, auf dem ich jetzt arbeite, in fünf Jahren noch operieren? Ist meine Qualifikation zukunftssicher? Diese Fragen beschäftigen Seeleute, auch wenn sie selten offen darüber sprechen.

Increased learning demands, changed routines and uncertainty. The burdens on the crew are multi-layered. First, the learning demand: new fuel systems require new knowledge in gas detection, inertisation, emergency procedures and toxicology. An engineer who has operated on HFO and MGO for 15 years must familiarise himself with topics entirely foreign to his previous experience.

Second, changed routines: bunkering with methanol or LNG differs fundamentally from HFO bunkering. Safety distances are greater, monitoring requirements higher, the consequences of an error potentially more severe. This changes the daily work routine in the engine room.

Third, uncertainty: which fuel will prevail? Will the vessel I currently work on still be operating in five years? Is my qualification future-proof? These questions occupy seafarers, even if they rarely speak about them openly.

Unverbindliches ErstgesprächFree Initial Consultation Unabhängige Marine-Engineering-Beratung. Wir finden eine Lösung.Independent marine engineering consulting. We find a solution.
KontaktContact

Technischer Tiefgang: Kompetenzrahmen und TrainingsrealitätTechnical deep-dive: competency frameworks and training reality

Der IGF Code und STCW Regulation V/3 bilden den regulatorischen Rahmen für die Ausbildung von Besatzungen auf Schiffen mit alternativen Kraftstoffen. Die Grundausbildung (Basic Training) umfasst Kenntnisse über die Eigenschaften des Kraftstoffs, Sicherheitssysteme, Notfallverfahren und Umweltschutz. Die erweiterte Ausbildung (Advanced Training) ist für Offiziere und Engineers vorgeschrieben, die direkt mit dem Kraftstoffsystem arbeiten.

In der Praxis klafft zwischen Regelwerk und Trainingsrealität eine Lücke. Die meisten Trainingszentren bieten generische Kurse an, die sich auf LNG konzentrieren. Für Methanol gibt es weniger Angebote, für Ammoniak fast keine. Simulator-basiertes Training ist verfügbar, aber die Anzahl der Einrichtungen mit realistischen Dual-Fuel-Simulatoren ist begrenzt. K-Sim von Kongsberg und die Trainingseinrichtungen von Maersk Training gehören zu den wenigen, die praxisnahe Szenarien anbieten.

OEM-spezifisches Training ist unverzichtbar, wird aber oft nicht systematisch organisiert. Ein Chief Engineer, der einen Wärtsilä 50DF betreiben soll, braucht nicht nur IGF-Zertifizierung, sondern auch spezifisches Wissen über das Kraftstoffversorgungssystem, die Gasventileinheit und die Steuerungslogik des jeweiligen Antriebssystems. Dieses Wissen wird typischerweise während der Ablieferung des Neubaus vermittelt, aber bei späteren Besatzungswechseln geht es oft verloren.

Die Konsequenz: Betreiber, die kein systematisches Wissensmanagement für ihre Dual-Fuel-Flotte aufbauen, verlieren bei jedem Personalwechsel Kompetenz. Das erhöht das Betriebsrisiko und reduziert die Effizienz des neuen Antriebssystems.

The IGF Code and STCW Regulation V/3 form the regulatory framework for training crews on vessels with alternative fuels. Basic Training covers knowledge of fuel properties, safety systems, emergency procedures and environmental protection. Advanced Training is mandatory for officers and engineers who work directly with the fuel system.

In practice, a gap exists between regulation and training reality. Most training centres offer generic courses focused on LNG. For methanol, fewer options exist; for ammonia, almost none. Simulator-based training is available, but the number of facilities with realistic dual-fuel simulators is limited. K-Sim by Kongsberg and the Maersk Training facilities are amongst the few offering practical scenarios.

OEM-specific training is essential but often not systematically organised. A chief engineer who is to operate a Wärtsilä 50DF needs not only IGF certification but also specific knowledge of the fuel supply system, the gas valve unit and the control logic of the particular propulsion system. This knowledge is typically conveyed during newbuild delivery, but during subsequent crew changes it is often lost.

The consequence: operators who do not build systematic knowledge management for their dual-fuel fleet lose competency with every personnel change. This increases operational risk and reduces the efficiency of the new propulsion system.

Praktische Auswirkungen: Fehlerkultur als SchutzfaktorPractical implications: error culture as a protective factor

Die Energiewende erhöht die Fehlerwahrscheinlichkeit, weil Besatzungen mit unvertrauten Systemen arbeiten. Das ist nicht vermeidbar – Lernkurven gehören zu jeder technologischen Umstellung. Was vermeidbar ist, ist dass Fehler eskalieren, weil niemand sie meldet.

Eine funktionerende Fehlerkultur – im maritimen Kontext oft als Just Culture bezeichnet – bedeutet, dass Besatzungsmitglieder Fehler und Near Misses melden können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Das ist besonders wichtig bei neuen Kraftstoffsystemen, wo die Betriebserfahrung noch gering ist und Fehler wertvolle Lerninformationen enthalten.

Betreiber, die eine solche Kultur aktiv fördern – durch Schulungen, durch die Führungshaltung des Masters und Chief Engineers und durch ein Meldesystem, das tatsächlich genutzt wird –, werden die Energiewende sicherer durchlaufen als Betreiber, bei denen Fehler verschwiegen werden.

The energy transition increases the probability of errors because crews are working with unfamiliar systems. This is not avoidable – learning curves are part of every technological shift. What is avoidable is that errors escalate because nobody reports them.

A functioning error culture – often referred to in the maritime context as Just Culture – means that crew members can report errors and near misses without fearing sanctions. This is particularly important with new fuel systems, where operational experience is still limited and errors contain valuable learning information.

Operators who actively promote such a culture – through training, through the leadership attitude of the master and chief engineer and through a reporting system that is actually used – will navigate the energy transition more safely than operators where errors are concealed.

Fallkontext: Besatzungserfahrungen auf frühen Methanol-SchiffenCase context: crew experiences on early methanol vessels

Die Stena Germanica, seit 2015 mit Methanol betrieben, und die ersten Maersk-Containerschiffe mit Methanol-Antrieb liefern wertvolle Einblicke. Die anfängliche Skepsis der Besatzungen richtete sich nicht gegen die Technologie an sich, sondern gegen die Ungewissheit: Was passiert bei einem Methanol-Leck? Wie verhalte ich mich bei einem Alarm des Gasd etektionssystems? Sind die Notfallverfahren wirklich durchdacht?

Nach den ersten Monaten wich die Skepsis bei den meisten Besatzungsmitgliedern einer Routine. Der Schlüssel waren zwei Faktoren: erstens ausreichendes Training, das über das formale Minimum hinausging, und zweitens die Erfahrung, dass die Systeme zuverlässig funktionierten. Wenn ein Alarm ausgelöst wurde und die Ursache schnell identifiziert werden konnte, stieg das Vertrauen in das System.

Die Lehre für Betreiber: Die ersten Monate auf einem neuen Kraftstoffsystem sind die kritische Phase. In dieser Zeit entscheidet sich, ob die Besatzung Vertrauen aufbaut oder Misstrauen entwickelt. Investitionen in Training und Support in dieser Phase haben den größten Hebel.

The Stena Germanica, operating on methanol since 2015, and the first Maersk container vessels with methanol propulsion provide valuable insights. Initial crew scepticism was not directed at the technology itself but at the uncertainty: what happens during a methanol leak? How do I respond to a gas detection alarm? Are the emergency procedures genuinely well thought through?

After the first months, scepticism gave way to routine for most crew members. The key comprised two factors: first, sufficient training that went beyond the formal minimum, and second, the experience that the systems functioned reliably. When an alarm was triggered and the cause could be quickly identified, confidence in the system grew.

The lesson for operators: the first months on a new fuel system are the critical phase. During this period, it is determined whether the crew builds trust or develops mistrust. Investments in training and support during this phase have the greatest leverage.

Entscheidungsrahmen: Personalstrategie für die EnergiewendeDecision framework: personnel strategy for the energy transition

Betreiber, die die Energiewende personalseitig unterstützen wollen, sollten vier Bereiche prüfen. Erstens: Ist das Training für die spezifischen Systeme der Flotte organisiert, oder nur die generische IGF-Zertifizierung? Zweitens: Gibt es ein Wissensmanagement-System, das verhindert, dass bei Personalwechseln Kompetenz verloren geht? Drittens: Wird eine Fehlerkultur aktiv gefördert, insbesondere auf Schiffen mit neuen Kraftstoffsystemen? Viertens: Werden die Belastungen der Besatzung durch die Umstellung systematisch erfasst und in die Personalplanung einbezogen?

Wer diese vier Bereiche abdeckt, reduziert das Betriebsrisiko und verbessert gleichzeitig Retention und Sicherheitsleistung. Wer sie vernachlässigt, wird die Energiewende teurer und riskanter durchlaufen als nötig.

Operators wishing to support the energy transition on the personnel side should assess four areas. First: is training organised for the specific systems of the fleet, or only the generic IGF certification? Second: is there a knowledge management system that prevents competency loss during personnel changes? Third: is an error culture actively promoted, particularly on vessels with new fuel systems? Fourth: are the burdens on the crew from the transition systematically captured and factored into personnel planning?

Those who cover these four areas reduce operational risk whilst simultaneously improving retention and safety performance. Those who neglect them will navigate the energy transition at greater cost and risk than necessary.

KernpunkteKey takeaways

Weiterführende ArtikelRelated articles

Warum Vertrauen ein Betriebsfaktor istWhy trust is an operational factor

Bestimmt wie schnell neue Technik akzeptiert und sauber betrieben wird. Vertrauen ist kein weiches Gefühl, sondern ein messbarer Betriebsfaktor. Es bestimmt, ob ein Engineer das Dual-Fuel-System im optimalen Modus betreibt oder aus Vorsicht auf Diesel umschaltet. Es bestimmt, ob ein Alarm ernst genommen oder als Fehlauslösung abgetan wird. Und es bestimmt, ob ein Near Miss gemeldet wird oder im Logbuch verschwindet.

It determines how quickly new technology is accepted and operated correctly. Trust is not a soft feeling but a measurable operational factor. It determines whether an engineer operates the dual-fuel system in its optimal mode or switches to diesel out of caution. It determines whether an alarm is taken seriously or dismissed as a false trigger. And it determines whether a near miss is reported or disappears from the log.

Häufig gestellte FragenFAQ

Warum menschliche Seite?Why the human side?
Weil Technik nur mit Vertrauen und Kompetenz sicher funktioniert.Because technology only functions safely with trust and competence.
Rolle von Training?Role of training?
Schlüsselrolle. Übersetzt Konzepte in Handlungsfähigkeit.Key role. It translates concepts into operational capability.
Wie ohne Kitsch?How to avoid sentimentality?
Auf Rollen, Belastung und Support fokussieren.Focus on roles, workload and support structures.

Bereit für eine Lösung?Ready for a solution?

Unverbindliches Erstgespräch – wir analysieren Ihre Situation und finden den besten Weg.Free initial consultation – we analyze your situation and find the best path forward.

Beratung anfragenRequest Consulting