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Bessere Seafarer-Bedingungen in der PraxisBetter Seafarer Conditions in Practice

Von Joshua KantnerBy Joshua Kantner · April 2026 · OceanSphere Consulting

Warum Praxis wichtiger ist als LeitbildWhy practice matters more than mission statements

Konkrete Verbesserungen im Alltag zählen. Jedes Schifffahrtsunternehmen verfügt über Leitbilder, in denen von Wertschätzung der Besatzung die Rede ist. Doch zwischen dem Satz auf einer Unternehmenswebseite und der Realität an Bord eines Bulkers im Golf von Guinea liegen Welten. Was Seeleute tatsächlich erleben, sind Rotationszeiten, die verlässlich eingehalten werden, medizinische Versorgung, die nicht erst nach drei E-Mails an den Crewing-Manager anläuft, und Kommunikationsmöglichkeiten, die nicht vom Wohlwollen des Kapitäns abhängen.

Die MLC 2006 hat hier einen Rahmen geschaffen, aber die Umsetzung variiert enorm. Betreiber, die ihre Prozesse tatsächlich an den Bedürfnissen der Besatzung ausrichten, messen das an konkreten Indikatoren: durchschnittliche Vertragsdauer vs. geplante Ablösung, Anzahl der Beschwerden über das Onboard-Complaint-System, und ob shore leave in der Praxis gewährt oder systematisch verweigert wird.

Tangible improvements in daily life are what count. Every shipping company has mission statements that speak of valuing their crew. Yet between the sentence on a corporate website and the reality aboard a bulker in the Gulf of Guinea lies an enormous gap. What seafarers actually experience is whether rotation schedules are reliably honoured, whether medical care begins without three emails to the crewing manager, and whether communication facilities depend on the master's goodwill or are a guaranteed provision.

The MLC 2006 established a framework, but implementation varies enormously. Operators who genuinely align their processes with crew needs measure this through concrete indicators: average contract duration versus planned relief, number of complaints through the onboard complaint system, and whether shore leave is granted in practice or systematically denied.

Welche Maßnahmen wirklich spürbar sindWhich measures are truly noticeable

Transparente Repatriation, funktionierende Kommunikation und pragmatische Unterstützung. Die drei Bereiche, die Seeleute am unmittelbarsten betreffen, sind Rotationsverlässlichkeit, Zugang zu medizinischer Versorgung und die Qualität der Kommunikationsinfrastruktur an Bord.

Bei der Rotation geht es nicht nur darum, dass der Vertrag nach 4 oder 6 Monaten endet. Es geht darum, ob der Crewwechsel tatsächlich stattfindet, ob Flüge gebucht sind und ob der Repatriation-Prozess funktioniert, auch wenn das Schiff in einem Hafen liegt, in dem Visa-Probleme auftreten. Während der COVID-Krise wurde sichtbar, wie fragil diese Prozesse bei vielen Betreibern waren.

Beim Thema Kommunikation hat sich in den letzten Jahren viel getan. VSAT-Systeme ermöglichen inzwischen auf den meisten Handelschiffen Internetzugang. Doch die Frage ist, ob dieser Zugang fair verteilt wird, ob Bandbreite für Videotelefonie nach Hause reicht und ob die Nutzung nicht durch restriktive Richtlinien faktisch eingeschränkt wird.

Transparent repatriation, functioning communication and pragmatic support. The three areas that affect seafarers most directly are rotation reliability, access to medical care and the quality of onboard communication infrastructure.

Rotation is not merely about a contract ending after four or six months. It is about whether the crew change actually takes place, whether flights are booked and whether the repatriation process functions even when the vessel is in a port where visa complications arise. During the COVID crisis, it became visible how fragile these processes were for many operators.

On communication, much has changed in recent years. VSAT systems now provide internet access on most merchant vessels. Yet the question is whether that access is fairly distributed, whether bandwidth is sufficient for video calls home, and whether restrictive usage policies effectively curtail it.

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Technischer Tiefgang: MLC-Umsetzung und betriebliche RealitätTechnical deep-dive: MLC implementation and operational reality

Die Maritime Labour Convention von 2006, in Kraft seit 2013, regelt Mindeststandards für Arbeitsbedingungen auf See. Doch zwischen dem Text der Konvention und dem Alltag auf einem 15 Jahre alten Panamax-Bulker liegt ein erheblicher Interpretationsspielraum. Regulation 2.4 gewährt Seeleuten Anspruch auf Landgang. In der Praxis scheitert dies häufig an Hafensicherheitsvorschriften, ISPS-Beschränkungen oder schlicht daran, dass der Betreiber keine Transportmöglichkeit vom Terminal zum nächsten Ort organisiert.

Standard A2.5 regelt die Repatriation. Der Betreiber muss die Rückführung organisieren und finanzieren, wenn der Vertrag endet, das Schiff verkauft wird oder der Seemann aus gesundheitlichen Gründen abgelöst werden muss. Was in der Theorie eindeutig klingt, wird in der Praxis kompliziert, wenn ein philippinischer AB von einem Schiff unter liberianischer Flagge in einem nigerianischen Hafen repatriiert werden soll. Die Verantwortungskette zwischen Manning-Agent, Betreiber und Flaggenstaat ist dann oft unklar.

Regulation 4.1 betrifft medizinische Versorgung an Bord. Die Konvention verlangt, dass Besatzungsmitglieder Zugang zu medizinischer Behandlung haben, die vergleichbar mit der an Land ist. An Bord bedeutet das: ein Schiffsarzt auf Passagierschiffen, auf Frachtern jedoch meist nur einen zum Medical First Aid ausgebildeten Offizier und eine Medikamentenkiste gemäß IMO-Vorgaben. Telemedizin-Dienste wie TMAS können die Lücke teilweise schließen, aber nur wenn die Kommunikationsinfrastruktur zuverlässig funktioniert.

Das Onboard Complaint Procedure gemäß Standard A5.1.5 ist ein weiterer Bereich, in dem die Theorie der Praxis voraus ist. Viele Schiffe haben ein dokumentiertes Beschwerdeverfahren, aber ob ein Matrose tatsächlich eine Beschwerde gegen seinen Vorgesetzten einreicht, hängt von der Bordkultur ab. In hierarchischen Besatzungsstrukturen, die in der internationalen Schifffahrt verbreitet sind, ist die Hürde oft zu hoch.

The Maritime Labour Convention of 2006, in force since 2013, sets minimum standards for working conditions at sea. Yet between the text of the convention and daily life aboard a 15-year-old Panamax bulker lies considerable room for interpretation. Regulation 2.4 grants seafarers an entitlement to shore leave. In practice, this frequently fails due to port security regulations, ISPS restrictions or simply because the operator does not organise transport from the terminal to the nearest town.

Standard A2.5 governs repatriation. The operator must organise and fund repatriation when the contract ends, the vessel is sold or the seafarer must be relieved for health reasons. What sounds straightforward in theory becomes complicated when a Filipino AB must be repatriated from a Liberian-flagged vessel in a Nigerian port. The chain of responsibility between manning agent, operator and flag state is often unclear.

Regulation 4.1 concerns medical care on board. The convention requires that crew members have access to medical treatment comparable to that ashore. On board, this means a ship's doctor on passenger vessels, but on cargo ships usually only an officer trained in Medical First Aid and a medicine chest compliant with IMO requirements. Telemedicine services such as TMAS can partly bridge the gap, but only if the communication infrastructure works reliably.

The Onboard Complaint Procedure under Standard A5.1.5 is another area where theory runs ahead of practice. Many vessels have a documented complaint procedure, but whether a rating actually files a complaint against a superior depends on the culture aboard. In hierarchical crew structures, which are common in international shipping, the barrier is often too high.

Praktische Auswirkungen: Was Betreiber verändern könnenPractical implications: what operators can change

Die wirksamsten Verbesserungen sind oft nicht die teuersten. Ein verlässliches Rotationsmanagement erfordert vor allem organisatorische Disziplin. Wenn der Crewing-Manager die Ablösung drei Wochen vor Vertragsende plant statt drei Tage, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Verzögerungen erheblich. Betreiber, die Crew-Feedback systematisch erfassen und nicht nur bei PSC-Inspektionen oder ISM-Audits hinschauen, erkennen Probleme früher.

Kommunikationsinfrastruktur ist inzwischen ein Hygienefaktor. Reedereien, die 2026 noch kein VSAT mit angemessener Crew-Bandbreite an Bord haben, werden bei der Rekrutierung Nachteile spüren. Das betrifft besonders den philippinischen und indischen Arbeitsmarkt, wo Seeleute zunehmend zwischen Arbeitgebern wählen können.

Medizinische Versorgung lässt sich durch standardisierte Telemedizin-Vereinbarungen verbessern. Einige Betreiber haben bereits Rahmenverträge mit TMAS-Anbietern, die über die gesetzliche Mindestanforderung hinausgehen. Die Kosten sind überschaubar, der Effekt auf die wahrgenommene Fürsorge durch die Besatzung jedoch erheblich.

The most effective improvements are often not the most expensive. Reliable rotation management primarily requires organisational discipline. If the crewing manager plans relief three weeks before contract expiry rather than three days, the probability of delays drops considerably. Operators who systematically capture crew feedback, rather than only looking during PSC inspections or ISM audits, identify problems earlier.

Communication infrastructure is now a hygiene factor. Shipowners who in 2026 still lack VSAT with adequate crew bandwidth will feel the disadvantage in recruitment. This particularly affects the Philippine and Indian labour markets, where seafarers can increasingly choose between employers.

Medical care can be improved through standardised telemedicine agreements. Some operators already have framework contracts with TMAS providers that exceed the statutory minimum. The costs are manageable, yet the effect on the crew's perceived level of care is considerable.

Fallkontext: Lehren aus der Crew-Wechsel-KriseCase context: lessons from the crew change crisis

Die COVID-19-Pandemie hat die Schwachstellen im System offen gelegt. Auf dem Höhepunkt der Krise 2020 waren schätzungsweise 400.000 Seeleute über ihre Vertragszeit hinaus an Bord. Einige Besatzungsmitglieder verbrachten über 17 Monate ohne Ablösung auf See. Die ITF und die IMO drängten auf die Anerkennung von Seeleuten als Key Workers, um Grenzübertritte für Crewwechsel zu ermöglichen.

Was diese Krise zeigte: Betreiber mit robusten Repatriation-Prozessen und guten Beziehungen zu lokalen Agenten konnten Crewwechsel auch unter schwierigen Bedingungen organisieren. Andere scheiterten an fehlender Planung und mangelnder Kommunikation mit den Besatzungen über den Stand der Ablösung.

Die Langzeitwirkung ist messbar. Reedereien, die in der Krise transparent kommunizierten und ihre Zusagen einhielten, berichten heute von besserer Crew-Retention. Wer seine Leute auf See vergaß, verliert sie an Mitbewerber mit besserem Ruf.

The COVID-19 pandemic exposed the weaknesses in the system. At the height of the crisis in 2020, an estimated 400,000 seafarers were serving beyond their contract period. Some crew members spent over 17 months at sea without relief. The ITF and IMO pushed for the recognition of seafarers as key workers to enable border crossings for crew changes.

What this crisis demonstrated: operators with robust repatriation processes and strong relationships with local agents were able to organise crew changes even under difficult conditions. Others failed due to a lack of planning and poor communication with crews about the status of their relief.

The long-term effect is measurable. Shipowners who communicated transparently during the crisis and honoured their commitments now report better crew retention. Those who forgot their people at sea are losing them to competitors with a better reputation.

Entscheidungsrahmen: Wo anfangen?Decision framework: where to start

Betreiber, die ihre Seafarer-Bedingungen verbessern wollen, sollten mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme beginnen. Die folgenden Fragen helfen bei der Priorisierung:

Erstens: Werden Rotationszeiten zuverlässig eingehalten? Wenn die durchschnittliche Überschreitung mehr als zwei Wochen beträgt, ist dies der dringendste Handlungsbedarf. Zweitens: Gibt es ein funktionierendes Crew-Feedback-System jenseits des formalen Beschwerdewegs? Drittens: Ist die Kommunikationsinfrastruktur an Bord auf dem Stand, der heute von Seeleuten erwartet wird? Viertens: Bestehen Telemedizin-Vereinbarungen, die über das gesetzliche Minimum hinausgehen?

Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Rotation ist der Faktor mit dem größten Einfluss auf Zufriedenheit und Retention. Kommunikation folgt unmittelbar danach. Medizinische Versorgung und Beschwerdewege sind ebenfalls wichtig, aber betreffen den Alltag weniger häufig.

Operators wishing to improve their seafarer conditions should begin with an honest assessment. The following questions help with prioritisation:

First: are rotation schedules reliably honoured? If the average overrun exceeds two weeks, this is the most urgent area for action. Second: is there a functioning crew feedback system beyond the formal complaint procedure? Third: is the onboard communication infrastructure at the level seafarers now expect? Fourth: are there telemedicine agreements that exceed the statutory minimum?

The sequence is not arbitrary. Rotation is the factor with the greatest influence on satisfaction and retention. Communication follows immediately after. Medical care and complaint channels are also important but affect daily life less frequently.

KernpunkteKey takeaways

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Warum das auch wirtschaftlich sinnvoll istWhy this also makes economic sense

Verringert Fluktuation, Konflikte und operative Reibung. Die Kosten eines Crewwechsels liegen je nach Rang und Herkunftsland zwischen 3.000 und 12.000 USD. Darin enthalten sind Flüge, Agentengebühren, medizinische Untersuchungen und die Einarbeitungszeit des neuen Besatzungsmitglieds. Wenn ein Betreiber durch schlechte Bedingungen eine überdurchschnittliche Fluktuation verursacht, summieren sich diese Kosten schnell auf sechsstellige Beträge pro Jahr und Schiff.

It reduces turnover, conflicts and operational friction. The cost of a crew change ranges between USD 3,000 and 12,000 depending on rank and country of origin. This includes flights, agency fees, medical examinations and the familiarisation period of the new crew member. If an operator causes above-average turnover through poor conditions, these costs quickly accumulate to six-figure sums per vessel per year.

Häufig gestellte FragenFAQ

Was verbessert am spürbarsten?What improves things the most noticeably?
Verlässliche Prozesse bei Rotation und Unterstützung.Reliable processes for rotation and support.
Warum mehr als Fürsorge?Why more than welfare?
Direkte Wirkung auf Stabilität und operative Leistung.Direct impact on stability and operational performance.
Wie ohne Kitsch schreiben?How to write without sentimentality?
Konkrete Prozesse und betriebliche Wirkung beschreiben.Describe concrete processes and their operational impact.

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