Trennt physische Nutzung grünerer Kraftstoffe von bilanzieller Anrechnung.
Beschleunigt Marktaufbau und verbindet knappe Kraftstoffmengen mit Kundennachfrage.
Glaubwürdigkeit, Transparenz und Nachweisführung.
Weder Greenwashing noch perfekte Endlösung. Marktbasiertes Übergangsinstrument.
Book-and-Claim trennt den physischen Kraftstofffluss vom bilanziellen Umweltwert. Ein Produzent erzeugt grünes Methanol in einem Hafen — etwa in Nordeuropa — und speist es in das lokale Bunker-System ein. Ein Schiff an einem völlig anderen Ort — etwa in Singapur — bunkert konventionellen Kraftstoff, erhält aber über ein Zertifikat den Umweltwert des grünen Methanols gutgeschrieben.
Die Zertifizierung erfolgt über anerkannte Registrierungssysteme. Im Luftverkehr hat sich das ISCC-CORSIA-System etabliert, in der Schifffahrt sind Systeme wie ISCC EU und RSB zunehmend relevant. Das Zertifikat enthält Angaben zur Kraftstoffmenge, zum Energiegehalt, zur Treibhausgasintensität und zum Produktionsstandort. Entscheidend ist die Nachverfolgbarkeit: jede erzeugte Einheit darf nur einmal bilanziert werden, was durch Chain-of-Custody-Verfahren sichergestellt wird.
Für die regulatorische Einordnung ist die Frage zentral, ob und wie FuelEU Maritime Book-and-Claim-Ansätze anerkennt. Stand 2026 akzeptiert FuelEU sogenannte RFNBOs (Renewable Fuels of Non-Biological Origin) und bestimmte Biokraftstoffe unter Mass-Balance-Regeln, aber die vollständige Book-and-Claim-Entkopplung — wo physische Lieferung und bilanzielle Anrechnung gänzlich getrennt sind — ist regulatorisch noch nicht abschliessend geklärt.
Die technische Implementierung erfordert zudem eine digitale Infrastruktur: Blockchain-basierte oder konventionelle Registerdatenbanken müssen sicherstellen, dass Doppelzählungen ausgeschlossen sind. Dies ist kein triviales Problem — die Integrität des gesamten Systems steht und fällt mit der Qualität der Datenverarbeitung und der Unabhängigkeit der Verifizierung.
Die grösste Herausforderung von Book-and-Claim ist nicht die Mechanik, sondern die Kommunikation. Kunden, Investoren und Öffentlichkeit erwarten klare Aussagen über Emissionsreduktionen. Wenn ein Carrier mitteilt, seine Transporte seien „mit grünem Methanol betrieben“, das Schiff aber physisch konventionellen Kraftstoff verwendet, entsteht bei ungenügender Erklärung ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Best Practice ist eine dreistufige Kommunikation: Erstens die Methode offenlegen („auf Basis bilanzieller Zuordnung“). Zweitens die Reichweite der Aussage begrenzen („entspricht der Emissionsminderung von X Tonnen grünem Methanol“). Drittens die Grenzen benennen („physisch wurde konventioneller Kraftstoff eingesetzt; der Umweltbeitrag erfolgt an anderer Stelle in der Lieferkette“).
Vertraglich müssen Carrier und Charterer klären, wer die Kosten für die Zertifikate trägt und wer den Umweltwert beanspruchen darf. Dies wird besonders komplex bei Time-Chartern, wo der Charterer den Kraftstoff bestimmt, aber der Owner unter FuelEU Compliance-Verantwortung tragen kann. Ohne vertragliche Klarheit drohen Streitigkeiten über die Zuordnung des Umweltwerts.
Die Luftfahrtindustrie hat Book-and-Claim im Rahmen von Sustainable Aviation Fuel (SAF) bereits implementiert. Airlines wie Lufthansa und KLM bieten Kunden die Möglichkeit, über Zertifikate den Umweltwert von SAF zu erwerben, auch wenn der physische Kraftstoff an einem anderen Flughafen getankt wird. Die Erfahrungen zeigen: das Modell funktioniert, solange Kommunikation und Verifizierung robust sind.
Für die Schifffahrt ergeben sich daraus übertragbare Lehren. Erstens: die Qualität des Registrierungssystems ist entscheidend. Zweitens: Kunden akzeptieren das Modell, wenn die Erklärung transparent ist. Drittens: regulatorische Anerkennung braucht Zeit, aber der Markt entwickelt sich oft schneller als die Regulierung. Betreiber, die Book-and-Claim früh verstehen und sauber umsetzen, positionieren sich als vertrauenswürdige Partner.
Book-and-Claim ist sinnvoll, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Erstens: physische Verfügbarkeit des grüneren Kraftstoffs ist an den eigenen Bunkerhäfen noch nicht gegeben. Zweitens: Kunden oder regulatorische Anforderungen verlangen bereits jetzt eine bilanzielle Emissionsminderung. Drittens: der Betreiber ist bereit, transparent über die Methodik zu kommunizieren.
Wenn hingegen physischer Zugang zu grünerem Kraftstoff besteht und die Preisdifferenz tragbar ist, sollte die physische Nutzung bevorzugt werden. Book-and-Claim ist ein Übergangsinstrument — kein Ersatz für echte Kraftstoffumstellung. Betreiber, die es als dauerhaftes Modell positionieren, setzen ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
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